Zur Histologie der Netzhaut von Dr H Mller

Die Untersuchung von Augen, welche einige Zeit in Chromsäurelösung gelegen waren, lässt sowohl in Betreff einzelner Elementartheile, aus denen die Netzhaut besteht, als auch der relativen Lage derselben Vieles erkennen, das ausserdem sehr schwierig zu eruiren ist. Ich will hier nur fiber einige Punkte eine vorläufige Mittheilung geben, indem ich Weiteres einer ausführlichen Darstellung des Baues der Netzhaut bie den verschiedenen Thieren vorbehalte.

1) Bei allen Wirbelthierklassen kommen in der Retina zahlreiche Cylinder vor, welche dieselbe der Dicke nach durchsetzen, indem sie senkrecht gegen die Nervenausbreitung, also radial zum Augapfel stehen. Es sind bald dünne Fasern haben, bald dickere, streifige Stränge.

Ihr inneres Ende stösst dicht an die Nervenfassern; bei manchen Thieren ist es zu einer kolbigen, körnigen Masse angeschwollen, die sich wie ein Bruchstück einer Zelle ausnimmt, bei andern gebt die Faser in eine membranartige dreiseitige Basis aus, die scharf abgeschnitten ist. Nach dem Durchtritt durch die innere, feinkörnige, der grauen Hirnsubstanz vollkommen ähnliche Schichte der Netzhaut zeigen die Radialfasern bei vielen Thieren constant eine Anschwellung, die manchmal deutlich einen Kern sammt Kernkörperchen anhält, such wohl zackige Fortsätze nach den Seiten hat, welche mit den benachbarten zu anastomosiren scheinen. Nach aussen geht die senkrechte Faser in die sogenannte Körnerschichte hinein, wobei sie sich öfters in mehreren Fäserchen auflöst. Jedenfalls steht sie mit den zunächst nach aussen liegenden Theilen in so enger Verbindung, dass nicht selten beim Zerreissen der Retina sich eine Faser dThe quote is in English in the original paper.

vollkommen isoliert, an deren äusserem Theil eine Anzahl der sogenannten Körner sammt Stäbchen oder Zwillingszapfen wie die Johannisbeeren an ihrem Stiel haften. Es spaltet sich also durch die ganze Dicke der Netzhaut einer schmaler Cylinder heraus, dessen Länge bei einem Frosch z. B. 0,14?" betrug. Dieselbe senkrechte Streifung durch die ganze Dicke erkennt man an dünnen senkrechten Schnitten, welche eine Profilansicht geben.

2) Die bekannten feinen Fädchen, welche häufig an den konisch zugespitzten Enden der Stäbchen sitzen, sind nicht gegen die Choroidea, sondern nach innen gekehrt. Sie beginnen nicht alle genau auf derselben Höhe, gehn z. B. bei den meisten Fischen zwischen die Zwillingszapfen hinein und stehn mit der nächsten innern, sogenannten Körnerschichte in Verbindung. Diese besteht nämlich aus Kernen, welche oft blächenförmig, nach der Dicke der Netzhaut bald mehr bald weniger verlängert sind und in derselben Richtung durch längere oder kürzere Fädchen mit den Stäbchen zusammenhängen. Da man mitunter an einer Strecke des Umfangs eine zweite Contur sieht, die in das Fädchen übergeht, so sind diese "Körner" wohl für sehr kleine Zellen zu halten.

Bei denjenigen Fischen und Vögeln, wo das Pigment Fortsätze nach innen bildet, stecken nicht die Fädchen sondern die Stäbchen selbst im Pigment und wenn man die pigmentirte Schichte bis an die Zwillingszapfen von aussen wegnimmt, hat man die Stäbchen mindestens grösstentheils mitgenommen und nur das innere Ende mit den Fädchen stehen gelassen.

Bei Plagiostomen, wo kein Pigment zwischen den Stäbchen liegt, sieht man dieselben gleichmässig nach aussen gehen bis zu einer Schichte polygonaler Zellen, welchen denen des Tapetum der Wiederkäuer gleichen. Dahinter liegt dann eine strukturlose gefässreiche Membran, welche hier die Schuppen trägt, die durch die bekannten feinen Nadeln den Silberglanz erzeugen und dann erst kommt die pigmentirte Choroidea. Auch bei einigen andern Fischen erstreckt sich das Pigment nur eine kürzere Strecke zwischen den Stäbchen nach innen.

3) Die Zwillingszapfen1 gehen bei den meisten Fischen und bei Säuge-thieren ebenfalls an ihrem innern stumpfen Ende in einen Fortsatz über, der sich in einen Faden auszieht; häufig bildet den Anfang des letztern ein deutlicher (footnote at bottom of page 235) Kern. Dieser Faden ist stärker als der an den Stäbchen befindliche hindurch anderen Ende er eine Anschwellung zeigt. Wo die Zapfen Zwillinge sind, haben sie zwei Fäden, mit zwei Kernen.

Bei Vögeln ist nach innen von den Stäbchen eine Schichte, welche den Fäden der Stäbchen und den Zapfen bei den Fischen entspricht, nämlich cy-lindrische Körper, die nichtvon gleicher Dicke, wie die Stäbchen, sondern theils fadenformig, theils dicker sind. Jedes Stäbchen setzt sich in einen dieser zwische-neinandergeschobenen Cylinder continuirlich fort und wo die Stäbchen in diese Zapfen übergehen, sitzen die bekannten farbigen Kügelchen, die also im inneren Ende der eigentlichen Stäbchen zu finden sind, allerdings nicht alle ganz in gleicher Höhe. Die meisten sind wirkliche Kügelchen, nicht Kegel (Hannover) einzelne Zapfen mit grössern dunkelrothen Kügelchen aber sind ausserdem weiterhinein roth gefärbt. Die Verhältnisse dieser farbigen Kügelchen erleiden auch einige Modification nach den verschiedenen Stellen der Netzhaut. Die Stäbchen der Frösche erscheinen an sich selbst, wo sie in einer gewissen

1Da nicht blos bei Schildkröten (Hannover) sondern auch bei Fischen und sonst einfache Zapfen vorkommen, wird man wohl das ,,Zwilling" bei der allgemeinen Bezeichung streichen müssen.

Dicke übereinander liegen, etwas röthlich und man kann ein einzelnes Stäbchen abwechselnd farblos und gefärbt sehen, je nachdem es sich legt oder aufrichtet.

Auch bei den Fröschen stehen die Stäbchen nach innen (?) mit einen blasseren Cylinder in Verbindung, der nicht blos an verschiedenen Stäbchen von verschiedener Dicke manchmal fadenartig ist, sondern auch an jedem einzelnen sind die Stellen in verschiedener Höhe nicht gleich, so dass dickere und dünnere Theile in einandergeschoben sind. Am inneren Ende sitzt eine Anschwellung, die meist sehr deutlich durch einen Kern gebildet wird. Ausserdem liegen zwischen diesen Cylindern, innerhalb der eigentlichen Stäbchen pyramidale Körperchen, die schon Bowman für analog den Zapfen der Fische erklärte. Sie haben bei einer Länge von etwa 0,01m eine hellere Spitze nach aussen, einen dickeren etwas körnigen Theil nach innen, von dem ein Faden ausgeht. Im innern liegt ein gelbliches Kügelchen.

Aehnlich stösst z. B. bei Haien innen unmittelbar an die Stäbchen, welchen etwa 0,025m Länge haben, auf eine Breite von 0,004m oder ehvas mehr, eine zweite Schichte von Cylindern, deren Länge 0,042m ist. Diese sind durch ein etwas granuliertes Ansehen von den glänzendem Stäbchen unterschieden, oft aufweiten Strecken von ihnen losgetrennt, oft aber auch mit solchen in Verbindung isoliert zu sehen. Von innern Ende geht ein Fädchen mehr oder weniger tief in die Körnerschichte, um sich an eines von deren Körperchen zu heften.

Man findet also überall innerhalb der eigentlichen Stäbchen eine Schichte welche bald aus ziemlich gleichmässigen Cylindern, bald aus grossen, dicken Zapfen und sehr feinen Fäden nebeneinander besteht. Häufig wenigstens steht die Grösse der Zapfen und der Stäbchen sammt die daran gehefteten Kernen in umgekehrtem Verhältnis. An der innern Grenze dieser Zapfenschichte zeigte sich überall eine scharfe Grenzlinie, welche wenigstens bei den in Chromsäure etwas geschrumpften Präparaten dadurch entsteht, dass auch an den fadenförmigen Theilen hier kleine Vorsprünge sitzen. Besonders auffallend ist dies bei Vögeln, wo zugleich eine lanzettförmige Verlängerung gegen die Körnerschichte sehr deutlich ist, mit deren Körperchen sie durch einen dünneren Faden in Verbindung steht.

4) Eine Schicht von Zellen mit allen Charakteren der Nervenzellen ist bei allen Wirbelthierklassen zunächst der Nervenausbreitung vorhanden. Bowman, Kolliker, Corti haben Fortsätze dieser Zellen bei Schilkröten und Sägethieren beschrieben; solche finden sich auch bei Fischen und Vögeln und mar ist kaum zu sweifeln, dass sie in Nervenfasern übergehn, obwohl eine vollkommene Sicherheit hier wegen des mangelnden Criteriums der dunkeln Conturn schwerer zu erreichen ist. Dafür sind die Fortsätze oft sehr lang, manchmal deutlich varikos und haben auch sonst das ansehen von Nervenfasern aus denselben Augen. Es sind jedoch nicht blos 2, sondern sehr häufig 3-4 auch getheilte Forsätze an den eigenthümlich gestalteten Zellen vorhanden.

Unbestimmtere Zellen finden sich ferner in der feinkörnigen Substanz der Retina in verschiedener Zahl und Deutlichkeit. Eine exquisite Schichte von Zellen kommt aber auch nach innen von der sog. Körnerschichte vor. Bei einigen Knorpel- und Knochenfischen besonders deutlich ist hier zu äusserst eine Schichte platter, zackiger, granulirter Zellen, die in der ganzen Profilansicht durch ihre grossen, ovalen Kerne auffallen, deren Längsaxe der Retina parallel liegt. Wenn schon an diesen Zellen ein Anastamosiren durch ihre Fortsätze nicht zu bezweifeln ist, so ist dies doch viel mehr in die Augen fallend bei überaus schönen Zellen, welchen innerhalb der vorigen eine Schict bilden, die im Profil streifig erscheint, da die dünnen Zellen mit ihrer Fläche der Retina parallel liegen.

Man kann bisweilen zwei Lagen deutlich unterscheiden; die eine besteht aus unregelmäsig polygonalen, etwas körnigen Zellen, meist von 0,042-0,04m Durchmesser, die durch kurze und zum Theil sehr breite Brücken mit einander so in Verbindung stehen, dass an manchen Strecken bloss Lücken bleiben, die kleiner sind als die Zellen. Die zweite Lage besteht aus Zellen, deren zahlreiche Fortsötze verhältnissmässig zum Körper sehr entwickelt sind, indem dieser die Breite der stärkeren Aeste manchmal kaum übertrifft und die Länge der letztern bis nahezu 0,4m vom Kern aus beträgt. Dabei sind sie vielfach ästig, und an den Theilungsstellen verdickt. Diese Zellen mit den Fortsötzen sind etwas gelblich, ziemlich glatt, oder mehr streifig als körnig, ihr Kern nicht exquisit blächenfor-mig und nur mittlerer Grösse. Die äussersten Zweige dieser Zellen nun gehen ebenfals deutlich in einander fiber, so das eine Zelle mit mehreren benachbarten an je 2-3 Punkten anastomosirt. Sie bilden so ein Netz, durch dessen Maschen die radialen Fasern hindurchtreten, indem öfters mehere sich zu einer Lücke zusammenneigen. Dadurch entsteht ein Gitterwerk aus vielfach gekreuzten Stringen, das besonders dicht ist, wo die Anschwellungen an den senkrechten Fasern mit zackigen Fortsätzen besetzt sind. Diese Anschwellungen liegen übrigens constant an der inneren Grenze jener Zellenschichte, da wo sie an die feinkörnige Masse anstösst.

Wenn man diese Zellen alle für Nervenzellen halten dürfte, bei denen sie vielleicht schon manchmal mitgezählt worden sind, wurden ihre Anastomosen höchst merkwürdig sein. Es muss jedoch ausser ihrer platten and tief eingeschnittenen Form, der Beschaffenheit ihrer Substanz und ihres Kerns auch der Umstand bedenklich machen, dass bei andern Fischen an analoger Stelle ein Netz von streifigen Stringen vorkommt, die kaum eine Spur zelliger Natur zeigen und sich mehr wie ein Fasergewebe ausnehman.

Fortgesetzte vergleichende Untersuchungen werden hoffentlich auch physiologische Folgerungen uber die Bedeutung der Elementartheile fir die Netzhaut und das Nervensystem überhaupt erlauben, "but such conjectures can at present lead to nothing" (Bowman).

Würzburg den 15 Mai 1851. From: Zeitschniftfürwissenschafliche Zoologie lll. Band 1851, pp. 234-237.

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